Versicherer schimpfen über die Arbeitsministerin

Die Versicherungsbranche gilt als zurückhaltend. Doch auf der Handelsblatt-Tagung „Assekuranz 2014“ in München nahmen einige wichtige Manager aus der Branche kein Blatt vor den Mund. Sie kritisierten die neue Bundesregierung in harscher Form.

Er würde gern einmal mit Frau Nahles ein Abendessen verbringen, sagte Werner Görg, Chef der Gothaer Versicherung vor den Vertretern der Versicherungswirtschaft. Er wüsste gern, wie sich die Arbeitsministerin die Zukunft der Sozialversicherung vorstellt.

Das Dinner dürfte für die SPD-Ministerin kein Zuckerschlecken werden: Er zweifle sehr, dass sie ihm nach einem solchen gemeinsamen Abendessen dann noch den Vorsitz irgendeiner Arbeitsgruppe zu dem Thema anbieten würde, scherzte Görg in Reaktion auf eine Frage aus dem Publikum.

Das Bundeskabinett hatte Ende Januar den Gesetzentwurf von Andrea Nahles gebilligt. Vorgesehen ist danach eine Rentenaufbesserung für ältere Mütter, eine erhöhte Erwerbsminderungsrente und die abschlagsfreie Rente ab 63 Jahren.

An den bisherigen Planungen für die Rente mit 63 gibt es aber massive Kritik. Auch Nikolaus von Bomhard, Chef des Munich Re, fand klare Worte. Was die Bundesregierung in ihren ersten 100 Tagen durchgesetzt habe, sei „das Gegenteil dessen, was es braucht“, sagte er.

„Weniger Umlage, mehr private Vorsorge“, forderte der Manager. „Auch wenn uns die Bundesregierung glauben machen möchte, es gäbe kein Problem des umlagefinanzierten System, ist es natürlich anders.“ Von Bomhard sieht einen „enormen Raum“ für die Assekuranz, ihr Produkt auf Basis der Elemente Sparen plus Langlebigkeitsabsicherung ins Spiel zu bringen. „Aber: Die Lebensversicherung wird sich angesichts der Rahmenbedingungen, die wir heute haben, verändern müssen.“

Der einstige Verkaufsschlager Lebensversicherung findet immer weniger Käufer. Zwar gibt es mit rund 92 Millionen Lebensversicherungsverträgen immer noch mehr Policen als Einwohner in Deutschland, aber seit Jahren sinkt diese Zahl.

Lebensversicherungen werden angesichts der sinkenden Renditen unattraktiver. Einige Versicherer – etwa die Munich-Re-Tochter Ergo und die Allianz – haben deswegen neue Policenmodelle auf den Markt gebracht. Andere Versicherer zögern.

Doch die Branche sitzt in der Zwickmühle: Durch die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten kann sie nicht mehr so hohe Renditen wie früher für Lebensversicherungen versprechen.

Zugleich sollen im kommenden Jahr strengere Regulierungsvorschriften für die Unternehmen eingeführt werden. Die Branche müsse sich daher verändern, innovativ sein, forderte von Bomhard. „Stillstand ist definitiv keine Option.“

Die Frage, warum man nicht so weitermachen könne wie bisher, „muss man in dieser Runde nicht stellen“, sagte er. „Innovation ist existenziell, wenn wir in unserer Welt weiter bestehen wollen.“

Doch nicht jede Neuerung führe zum Ziel: Nicht übertreiben sollte die Versicherungswirtschaft mit „Innovationen auf der Kapitalseite“ – riskante Spekulationen, um an den Kapitalmärkten mehr Rendite zu erzielen, warnte von Bomhard.

Die Versicherer dürften keine Angst vor dem Scheitern haben, sagte von Bomhard weiter: Es sei schon vorgekommen, dass neue Produkte nicht beim Kunden nachgefragt wurden. Etwa eine neuartige Haftpflichtversicherung, die nach dem Unglück der Bohrplattform Deep Water Horizon ins Leben gerufen wurde – und die keiner kaufen wollte. „Man muss schon sicherstellen, dass man am Ende Abnehmer findet.“

Hilfe erhofft sich die Versicherungswirtschaft durch einen weiteren Megatrend, den viele Unternehmen in den vergangenen Monaten ausgerufen haben: Digitalisierung.

„Dabei geht es für viele Versicherer um die Frage, wie man seine IT-Systeme so aufstellt, dass der Kunde sowohl bei der Kontaktaufnahme über Telefon oder Internet als auch über den Außendienst gleichermaßen gut bedient wird“, erklärt Gero Nießen von der Unternehmensberatung Towers.

„Für viele Unternehmen ist die zunehmende Komplexität der Tarife sowie der Berechnungen im Rahmen der Beitragsanpassung eine Herausforderung. Zudem gilt es, die vorliegenden Daten so auszuwerten, dass man geeignete Maßnahmen zur Kundenbindung sowie zur Geschäftserweiterung auch identifizieren kann.“ 

Vom Potenzial der Digitalisierung schwärmt auch von Bomhard: Es sei „schier unendlich“. Hier hat die Branche Nachholbedarf, sagt Nießen: „Manche Versicherer versäumen es, die ihnen vorliegenden Daten auch in vollem Umfang auszuwerten.“

Und die Gefahr besteht, dass neue Konkurrenten auf den Markt kommen, die diese Chance nutzen. Lange wurde so der Markteintritt von Google als Online-Vergleichsportal für Versicherungen befürchtet. Immerhin: Zuletzt ist es ruhig geworden um den US-Konzern.